Archive | March, 2012

Gedanken eines „Spielträumers“ zu Freiraum und Spiel – Ein Beitrag von Toni Anderfuhren

1 Mar

Mit Blick über den Sandkastenrand entwickelt der selbsternannte „Spielträumer“ Toni Anderfuhren gemeinsam mit Kindern Schulhofprojekte und Konzeptionen für Spielräume und hält Vorträge darüber. In Zusammenarbeit mit Elterninitiativen, Verwaltung und Behörden erarbeitet er immer wieder neue Wege für vernetztes, gestalterisches, spielerisches Handeln im öffentlichen Raum. Anderfuhren versteht sich als Berater, Initiator, Autor, Begleiter und – wenn nötig – Motor.

Eine alte Faustregel hilft bei der Beurteilung guter Spielräume: Wie lange kannst du Verstecken spielen, ohne ein Versteck zweimal zu benutzen? Verstecke auf Spielplätzen? In der heutigen Zeit? Krame in deinen Kindheitserinnerungen! Wo hast du dich gerne herumgetrieben? Was waren das für Orte, welches ihre Verstecke? Verbotene Räume der Kindheit sind gut im Erinnerungsschatz verankert und mit ihnen manchmal auch Geschichten von echten Abenteuern. Den Spielen meiner Kindheit verdanke ich meine Fertigkeiten und meine sozialen Kompetenzen, meine Beobachtungsgabe und Bewegungslust, meine Liebe zur Natur und die Freude am Leben. Meine Spiele kannten keine teuren Spielplätze. Aber Bolzplätze, Brachflächen, Hinterhöfe,  Bachlauf, Ufer, Waldrand und viele Kinder, mit denen wir viel erlebten. Sind all diese Orte für immer verschwunden? Gibt’s da nicht noch ein kleines „Gallisches Dorf“, wo Kinder noch immer Kinder sein dürfen? Für Antworten auf diese Frage wende man sich bitte an spielende Kinder!

Wilde Naturlandschaften schaffen

Der Spielplatz um die Ecke ist somit tüchtig gefordert. Seine Geräte und Spielinstallationen können die Bedürfnisse vieler Kinder nicht erfüllen. Seine Verstecke und Abenteuer sind rasch aufgezählt. Wo setzen wir an, was ist zu tun? Abwechslungsreiche Hügellandschaften brauchen Aussichtspunkte, gewundene Berggrate, Schluchten und Mulden. Steine gestalten Kletterwände und setzen markante Zeichen, die Böden freuen sich auf Kinderfüße. Das Bächlein will bespielt werden, seine Quelle sprudelt unter Steinen. Sand und Matsch gehören einfach dazu. Bäume und Buschwerk sind Dschungel, liefern Stöcke und Zweige, in selten genutzten Zonen wachsen fast vergessene Blumen. Knorrige Stämme laden zum Balancieren, markieren Grenzen und helfen mit, dem Spielplatz seinen ganz speziellen Zauber zu verleihen. Sein Tor ist schmaler Durchschlupf, geheimnisvolle Pforte oder schwierig zu meisternder Einstieg, wenige Wege erschließen bestimmt nicht alle besonderen Plätze. Verspielte Traumpfade ins Spielparadies brauchen ganz viele Kinderfüße, unter denen Trampelpfade und Schleichwege entstehen. In ihren Spielen bewegen sich die Kinder durchs Areal, meistern schwierige Aufstiege, erkunden den Dschungel, ziehen sich an ihre Lieblingsplätze zurück. Ich kenne kein bezahlbares Spielgerät, das all diese Bewegungen und Abenteuer ersetzen könnte.

Traumplätze für Kinder

Meine Plätze sind mehr als Spielträume. Um sie zu entwickeln und ihnen Leben einzuhauchen, braucht unsere Welt engagierte Erwachsene voller Lebensfreude und Toleranz für Kinderlärm. Städte und Verwaltungen mit dem Herz auf dem rechten Fleck, begeisterte Menschen im Unterhalt, die Asthaufen absichtlich bauen, auch mal eine Stücke Wiese über Monate wuchern lassen, zwischen doofem Müll und brauchbaren Materialien für kreative Spiele zu unterscheiden wissen sowie regelmäßig viel Sand und tüchtig Schwemmholz liefern. Spielfreunde, die auch erwachsenem Besuch den Freiraum der Kinder kommunizieren.

Mehr Spielräume fürs Spiel – Ein Beitrag von Evelyn Knecht

1 Mar

Evelyn Knecht ist Magisterpädagogin sowie Mitbegründerin und Koordinatorin der Arbeitsgemeinschaft Spiellandschaft Stadt in München. Die Arbeitsgemeinschaft ist ein offener Kooperationsverbund von Vereinen, Initiativen, Institutionen und städtischen Verwaltungsabteilungen, die sich für bessere Spielbedingungen im öffentlichen Raum einsetzen. Knecht leitet viele spiel- und kulturpädagogische Projekte und publiziert Beiträge in Fachzeitschriften und Fachbüchern.

Spielen ist soziales Lernen in eigener Regie

Spielen macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch die Entwicklung der ganzen Persönlichkeit. Im Spiel setzen sich Kinder mit ihrer Umwelt auseinander. Im Spiel machen sie Erfahrungen, erleben die Wirkung verschiedener Handlungsmuster und lernen, dass unterschiedliche Wege zum Spielziel führen. Spielen unterstützt Kinder und Jugendliche darin, Neues zu entdecken, Verhalten zu erproben und zu reflektieren. Sie probieren sich in Spiel-, Lern-, Experimentierräumen aus und erleben Unterschiedliches, je nachdem, wer mitspielt und was gespielt wird. Sie können hieraus für ihr Leben nützliche Schlüsse ziehen. Spiel ist also als selbst organisiertes Lernen zu verstehen. Dabei gilt es, den Kindern ihren Freiraum zu lassen und sich als Pädagoge um den politischen Rahmen für diesen Freiraum zu kümmern bzw. diesen zu sichern.

Mehr Spielräume in der Stadt!

Die Arbeitsgemeinschaft Spiellandschaft Stadt will die Spiel- und Lebenswelt für Kinder und Familien in München verbessern. Wir wollen Spielraum eröffnen, erweitern, sichern und bereichern. Dabei geht es um den Spielraum im räumlichen, ganz konkreten Sinn, also darum, Spielplätze, Stadtplätze, Wege, Grünflächen, Parks, Spielstraßen und verkehrsberuhigte Bereiche sowie Hinterhöfe, Schulhöfe und alle möglichen Orte für spielerische Tätigkeiten zuzulassen. Und es geht um Spielräume im übertragenen Sinn, also um mehr Akzeptanz für das Spiel. Unser Ziel ist eine Stadt mit einem dichten Netz an Spielorten und Spielangeboten, das die Kinder selbst entdecken und erschließen können. Wir wollen keine isolierten Spielplätze, sondern vielfältige Spielorte, ergänzt durch mobile Spielangebote, die Ausgleich schaffen, wo es an Spielräumen mangelt, oder zusätzliche Impulse und Anregungen geben.

Aktionen und Spielanregungen

Es ist wichtig, dass Kinder selbst organisiert spielen. Spielpädagogen können Kindern aber zusätzlich Anregungen geben und somit ihre Spielräume ausweiten. Das Angebot temporärer Aktionen etwa bereichert jeden Spielplatz und ermuntert dazu, auch an anderen öffentlichen Orten der Stadt zu spielen. Sie fördern Kreativität, Bewegung, Naturerfahrung oder Lernmöglichkeiten der Kinder und beschäftigen sie auch nach der eigentlichen Aktion. Auf dem Erwinspielplatz in Freiburg beispielsweise wurden Materialien wie Bretter, Balken und Tonnen auf dem Spielplatz zur Verfügung gestellt, und die Kinder konnten den Platz damit immer wieder verändern.

Beispiel München

In München engagieren sich ehrenamtliche Spielplatz-Paten, unterstützt von der AG Spiellandschaft Stadt. Sie setzen Spielideen und Projekte um, geben Hilfestellung bei Konflikten und stellen Kisten voller Spielzeug und Materialien bereit. Diese Kisten können auch Gegenstände enthalten, die Kinder und Eltern auf den Spielplätzen selbst bauten. Näheres dazu ist nachlesbar in: „Spiele und Spielgeräte selber machen“ von Grigo, Knecht und Lusch, 1999. Weitere beliebte Anregungen bietet die Ausleihe einer Bewegungsbaustelle, eines Winterspielmobils und anderer Spielmobile mit Materialien zum Bauen, Gestalten und Bewegen. Dadurch werden die Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder erweitert. Sie lernen mit anderen zusammen, eine Idee zu entwickeln und sie in Absprache gemeinsam umzusetzen. Teambildung und Kooperationen werden angeregt. Gemeinsam wird experimentiert und mit Spaß und Freude beim Spiel viel gelernt.

Verbesserte Spiel- und Lebenswelt

Die Erfolge der Arbeitsgemeinschaft Spiellandschaft Stadt in München zeigen, dass sich viel erreichen lässt. In engem Austausch mit den Nutzern, also den Kindern, bieten wir Spielangebote in Spielhäusern, auf Spielstraßen, in Parks, auf Schulhöfen, in den Bädern, in Bezirkssportanlagen, auf Parkplätzen und auf Spielplätzen. Und dort zeigt sich immer wieder: Spielen kann man überall und Kinder spielen auch überall, wenn man sie nicht daran hindert.

Spielen und Motorik: Interview mit Prof. Dr. Klaus Fischer

1 Mar

Prof. Dr. Klaus Fischer lehrt und forscht am Lehrstuhl für Bewegungserziehung/Bewegungstherapie der Universität Köln. Zuhause Vater und Opa, ist er beruflich Experte für entwicklungstheoretische Perspektiven der Bewegungsaktivität von Kindern. Fischer ist Gutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und Fachvertreter der Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung der Landesvereinigung NRW. Seit 1988 gibt er als geschäftsführender Redakteur die Zeitschrift Motorik: Zeitschrift für Motopädagogik und Mototherapie heraus. In praxisnahen Projekten und Forschungsvorhaben arbeitet er viel mit Kindern und sagt dazu: „Das macht so viel Spaß!“

Warum sind Spiel und Bewegung so wichtig für Kinder?

Für ein Kind ist das Spiel immer mit Handeln und Tun verbunden und aus dem Grund bin ich der Meinung, dass Spiel und Bewegung gar nicht voneinander zu trennen sind. Der Körper ist das entscheidende Mittel des Kindes, die Welt zu erfahren. In der Kognitionsforschung wird die Bedeutung von Bewegung und Körperlichkeit gerade neu bewertet, und zwar in dem Sinne, dass man sie nicht mehr von Kognition und emotionaler bzw. sozialer Entwicklung trennt. Die Bewegung gehört dazu!

Macht Toben also glücklich und schlau?

Toben macht glücklich und zufrieden – das würde ich unterschreiben. Und auch wenn Toben nicht automatisch zu Bestnoten führt, so gibt es doch eine indirekte Beziehung zwischen Bewegung und Erkenntnis: Indem Kinder spielen und sich bewegen, machen sie z. B. Erfahrungen mit dem Raum. Sie lernen oben, unten, hinten, vorne, rechts und links zu unterscheiden, und zwar über die Bewegung – Bewegungsaktivitäten sind ja immer an Räume gebunden. Diese Vorstellungen sind notwendige Basiselemente, um mathematische Sachverhalte zu verstehen, wie den Zahlenstrahl oder Plus-Minus-Rechenaufgaben oder auch dreidimensionale Körper in der Geometrie.

Was lernen Kinder noch im Spiel?

Rutschen, Steigen, Springen, Klettern macht jedem Kind Spaß. Aber gleichzeitig bekommt es dabei Vorstellungen von Reibung oder Schwung. Wir nennen das intuitive Physik. Kinder erfahren auf der Wippe, dass sie nach vorne rutschen müssen, um mit einem leichteren Kind wippen zu können – die wissen genau, was sie zu tun haben! Später werden sie daraus die Hebelgesetze ableiten. Über Bewegungsaktivitäten lernen Kinder intuitiv Dinge kennen und verstehen, die dann in der Schule mit anderen Gesetzen und anderen Begriffen belegt werden. Kinder lernen beim Spiel auch zu planen: Durch Wiederholungen, Veränderungen und Variationen entwickeln sie Strategien, ein Ziel zu erreichen. Wir wissen heute aus kognitionswissenschaftlichen und neueren neurowissenschaftlichen Studien, dass die so erlernte Planungsfähigkeit als Baustein für andere kognitive Planungsprozesse dient. Körperliche und kognitive Entwicklungen laufen gemeinsam und parallel ab.

Haben unsere Kinder genügend guten Bewegungs- und Spielraum?

Sehr positiv möchte ich festhalten, dass sich hier in den letzten zehn Jahren Gewaltiges getan hat. Die Grunderkenntnis, dass Spielräume – innen wie außen – für Kinder wichtig sind, ist da. Und doch würde ich mir wünschen, dass noch mehr passiert. Vor allem, was die Außenräume betrifft. Viele Erwachsene denken ja, es reicht, wenn Kinder ab und zu frische Luft schnappen und sich draußen ein wenig austoben. Dabei sind Außenräume für Kinder ebenso Lebensräume, die zum täglichen Leben dazugehören! Kinder brauchen Erkundungs- und Bewegungsmöglichkeiten, sinnliche und naturnahe Anregungen bei jedem Wetter und bei jeder Gelegenheit.

Wie sieht ein guter Bewegungs- und Spielraum aus?

Für mich muss Spielraum vor allem einen hohen Anregungsreichtum haben. Innenräume sollten Bewegung ermöglichen, aber auch Lernräume sein. Außen können Kinder Sinnliches und Praktisches miteinander verknüpfen, das heißt direkte Erfahrungen machen. Ich nenne sie Erfahrungen aus erster Hand. Kinder machen sie im Umgang mit Pflanzen, Steinen, Holz und anderen Naturmaterialien. Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie, dass Kinder gerade das Ungehobelte und die Unebenheiten brauchen. Denn nur wer schwierige Situationen bewältigt – und das beginnt mit körperlichen Aktivitäten – kann auch Gefahren erkennen und Strategien entwickeln, mit ihnen umzugehen. Natürlich müssen wir unsere Kinder vor Schaden bewahren, Sicherheitsregeln und -normen sind sehr wichtig. Die Sorge um unsere Kinder hat aber in den letzten 20 Jahren dazu geführt, dass wir zu oft Erfahrungsmöglichkeiten wegbauten. Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder, doch wir müssen ihnen auch Erfahrungsmöglichkeiten lassen. Diese Einsicht wird zum Glück zunehmend berücksichtigt, indem man Außenräume naturnah gestaltet. Die Natur lässt sich nicht in allen Punkten einebnen.

Sie haben in Köln eine Modell-Kita gestaltet und Sie forschen zu Bewegungsbaustellen, haben selbst welche geschaffen und betreut. Was würden Sie Eltern oder Pädagogen vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen raten?

Kinder brauchen festes Material, das heißt umbauten Raum, aber sie brauchen auch bewegliche Spielmaterialien, die sie umfunktionieren können, mit denen sie etwas ausprobieren können, an denen sie Unregelmäßigkeiten erfahren. Das nicht Genormte, nicht Geometrische ist ganz wichtig in der kindlichen Entwicklung. Kinder suchen  sich auch genau diese Dinge – wenn man ihnen nur die Freiheit lässt.

Wir haben viel Erfahrung im Umgang mit Alltagsmaterialien wie beispielsweise Pappkartons aller Art gemacht. Wenn man Kindern nur genügend davon zur Verfügung stellt, werden sie kreativ und lassen sich viele Dinge einfallen. Auf Bewegungsbaustellen stellen wir den Kindern Bretter und Klötze zur Verfügung. Damit können sie ganz schnell eine Brücke gestalten und drüberbalancieren. Gleichgewicht, Haltung und Körperkoordination kann man viel besser wahrnehmen, wenn man etwas ausprobieren kann, wenn es nicht genormt ist und nicht feststeht. Kinder können selbst aktiv werden. Sie können sich ihre Bewegungsanlässe suchen und Spielmöglichkeiten selbst konstruieren. Das Unfertige, Veränderbare motiviert sie! Es gibt keine vorgefertigten Lösungen – sie müssen ihre eigenen kreativen Wege finden und das ist ein ganz wichtiges Element in der Entwicklung von Kindern.

 

Lebhafte Spiele und körperlich herausfordernde Aktivitäten sind essentiell für die mentale und soziale Entwicklung – Ein Beitrag von Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier

1 Mar

Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier ist Psychologin sowie Erziehungswissenschaftlerin und leitet seit 2002 die Abteilung Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Bonn. Sie ist Mutter von drei Kindern. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Frühförderung, Psychomotorik sowie die kognitive und sozial-emotionale Entwicklung über die Lebensspanne hinweg.

Spiel, Bewegung und Kognition gehören zusammen

Inzwischen kann als gesichert gelten, dass motorische und kognitive Funktionen stärker zusammenhängen, als dies noch lange Zeit angenommen wurde. Psychologische und medizinische Untersuchungen bestätigen enge Korrelationen zwischen der koordinativen motorischen Leistungen und der kognitiven Differenzierung. Bei Dritt- und Viertklässlern fanden wir Zusammenhänge zwischen dem motorischen Gesamtstatus, der Konzentrationsfähigkeit und den Leseleistungen der Kinder.

Ergebnisse wie diese sind für die Bewertung des Spiels wichtig. Denn beim freien Spiel ist immer der ganze Körper im Einsatz: Schwingt ein Kind einen Stock, ist nicht nur sein Arm, sondern auch sein Gehirn aktiv. In unseren Untersuchungen zu Motorik und Kognition spielten die Kinder. Sie hatten die Aufgabe, als „Geheimagenten“ Lösungen für den Transport von Gegenständen in einem schwierigen Terrain zu finden. Ein „Fluss“ musste überwunden werden, den sie nicht mit den Füßen berühren durften. Da gab es viel kognitiv zu verarbeiten: Spiel, Bewegung und Kognition gehören zusammen. Lebhafte Spiele und körperlich herausfordernde Aktivitäten sind essentiell für die kindliche Entwicklung. Sie betreffen das Kind in seiner Gesamtheit: seine mentalen und sozialen Fähigkeiten.

Effekte der Spiel- und Bewegungsförderung: verbesserte Wahrnehmung des Selbst, der Umwelt und der anderen

Über reichhaltige, die Fantasie betonende Spielerfahrungen werden grundlegende Lernprozesse initiiert: Das Kind erweitert sein Wissen darüber, was es selbst kann, indem es seinen Körper in ungewohnten Situationen wahrnimmt und erlebt. Und indem es lernt, sich an unterschiedliche Umweltgegebenheiten anzupassen und mit ihnen umzugehen, entwickelt es auch eine bessere Sachkompetenz. Durch das Umgehen mit anderen in neuen Situationen erhöht das Kind ferner seine Sozialkompetenz; damit ist sowohl Anpassung an andere als auch Einflussnahme gemeint.

Fit für den Alltag

In ihren Spiel- und Bewegungsaktivitäten geförderte Kinder haben lebenslang Vorteile: Eine gute motorischen Leistungsfähigkeit hilft bei der Bewältigung der Alltagsbewegungen und beugt Gesundheitsproblemen vor. Zudem verhindert eine hohe motorische Sicherheit Unfälle, weil geschickte Kinder z. B. den eigenen Körper besser abfangen können. Vielfältige Spiel- und Bewegungserfahrungen sind für einen kompetenten Umgang mit Risiken im Alltag, beim Sport und im Straßenverkehr von höchster Wichtigkeit.

Kreativ, ideenreich und flexibel

Unsere Untersuchungen dokumentieren, dass eine anregungsreiche Umgebung und die Ermutigung zu neuen Bewegungs- und Materialerfahrungen wichtige Voraussetzungen für kreatives Verhalten sind. Fantasievoll geförderte Kinder fanden flexiblere Problemlösungen und hatten bessere und vielfältigere Ideen. In anregungsreichen Umgebungen werden sie ermutigt, konventionelle Grenzen des Denkens und Handelns zu überschreiten, Neues auszuprobieren und dabei Komplexitäten von Problemstellungen und Ambiguitäten von Lösungen zu akzeptieren.

Gutes Selbstkonzept

Auch das Selbstkonzept ist eine von Bewegung beeinflusste kognitive Variable: Unsere Studien zeigten, dass Kinder, die sich gern bewegen, eine positivere Selbsteinschätzung, mehr Selbstsicherheit und ein höheres psychisches und physisches Wohlbefinden haben. Mädchen und Jungen, die im dritten Schuljahr eine hohe Präferenz für Bewegungsaktivitäten geäußert hatten, wiesen im vierten Schuljahr eine sehr viel positivere allgemeine Selbsteinschätzung auf. Die äußeren Rahmenbedingungen der Bewegungsaktivitäten sind wichtig. Die Wahrnehmung des Risikos, sich empfindlich zu verletzen, erwies sich als einflussreicher Faktor. Eine gesicherte Umgebung fördert den Mut zur Exploration.

Gesunde, kreative, kluge, starke und sozial kompetente Kinder

Auf der Basis unserer eigenen und internationalen Studien kann festgehalten werden: Umgebungen, die Anreize für fantasievolles Spielen und freie Bewegung bieten, sind in hohem Maße förderlich. In ihnen entwickeln sich Kinder, die körperlich gesund, kreativ, in ihrer Persönlichkeit und ihren kognitiven Leistungen stark sowie sozial kompetent sind.

 

Warum eigentlich freies Spiel? – Ein Beitrag von Prof. em. Dr. Rolf Oerter

1 Mar

Prof. em. Dr. Rolf Oerter ist Psychologe und Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität München. Er hat die Entwicklungspsychologie in Deutschland mitgeprägt und strukturiert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Innovationen in Kindergarten und Schule, die bessere Nutzung des entwicklungspsychologischen, kognitionspsychologischen und lernpsychologischen Wissens für Unterricht und Bildung. Oerter ist fachöffentlich durch das Standardwerk Entwicklungspsychologie ein Begriff, das er zusammen mit Leo Montada bereits in der 6. Auflage (2008) herausgegeben hat.

Kinder spielen von Anfang an

Kinder spielen spontan ohne Anleitung und Aufforderung. Schon ein Säugling zieht eine Puppe an einer Schnur hoch und wiederholt dies, sobald er begriffen hat, dass er den Effekt selbst erreichte. Besonders auffällig wird das Spiel des Kindes aber um die Mitte des zweiten Lebensjahres, beispielsweise dann, wenn das Kind sich etwa eine Krawatte umhängt, im Zimmer herumstolziert und „Papa“ sagt. Dieses Als-ob- oder Illusionsspiel nimmt bald viel Raum ein. Die Kinder kochen und füttern eine Puppe fiktiv, betätigen sich als Superman oder setzen sich auf einen Stuhl, der zur Rakete wird und in den Himmel aufsteigt.

Rollen und Regeln

Lässt man Kinder gewähren, so stellt sich mit etwa vier Jahren das Rollenspiel ein. Nun verkörpern sie nicht nur für sich eine bestimmte Rolle, sondern spielen mit verteilten Rollen. Dies erfordert bereits höhere intellektuelle Leistungen. Das Spielthema – z. B. Vater, Mutter, Kind, Schule oder Einkaufen – muss zuerst vereinbart werden. Die Kinder brauchen ein Grundwissen über ihre Rolle und können den Verlauf des Spiels nur aufrechterhalten, wenn sie ihre Rollen permanent aufeinander abstimmen. Es ist ihnen wichtig, Regeln einzuhalten, weil sonst das gemeinsame Spiel zusammenbricht.

In der nächsten Spielform, dem Regelspiel, werden Regeln dann zentral. Bei Spielen wie Memory, Mensch ärgere Dich nicht oder Völkerball kommt es vor allem darauf an, sich an die jeweiligen Spielregeln zu halten und innerhalb der Einhaltung dieser Regeln den Sieg zu erringen. Es gibt große Empörung, wenn ein Spieler mogelt. Regelverletzung zerstört auch dann das Spiel, wenn Kinder es selbst kreiert haben.

Beim Konstruktionsspiel setzt die Physik die Regeln. Bauen, Malen und Kneten gelingen nur, wenn die physikalischen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Der Turm stürzt ein, wenn die Statik nicht stimmt, der Malstift bringt kein Ergebnis, wenn er falsch herum gehalten wird, aus Knete entsteht keine Figur, wenn die Masse nicht behutsam behandelt wird. Nicht nur im Umgang mit Bausteinen im Kinderzimmer, sondern auch auf dem Abenteuerspielplatz und im Sandkasten können Kinder konstruieren und bauen, planen und ausprobieren.

Warum freies Spiel?

Nun mag man sich fragen, ob nicht alle diese Tätigkeiten viel besser noch unter Anleitung gelingen würden. Warum also freies Spiel? Zunächst ist das Kind im freien Spiel der Initiator und nicht der Erwachsene. Das Kind gibt vor, was es spielen möchte, der Erwachsene – wenn er klug ist – unterstützt nur die Vorhaben des Kindes und später des Jugendlichen. Hier sind also die Machtbeziehungen vertauscht. Im freien Spiel – und nur dort – gibt das Kind den Ton an und befreit sich von allem sozialen Druck. Es nutzt das Spiel, um ein Gegengewicht gegen den immerwährenden Sozialisationsdruck zu setzen und damit die eigene Autonomie schon frühzeitig zu etablieren.

Hinzu kommt, dass das Kind die meisten seiner Wünsche nicht real befriedigen kann. Es ist schwach und abhängig, es darf z. B. nicht Auto fahren, nicht allein die Welt erobern. Im freien Spiel erfüllt es sich solche Wünsche in der Fantasie, gewissermaßen stellvertretend und in einer von ihm selbst geschaffenen fiktiven Welt. Spiel ist stellvertretende Wunscherfüllung.

Freies Spiel dient der Lebensbewältigung. Das zeigt sich auch darin, dass Kinder ihre aktuellen und überdauernden Lebensthematiken im Spiel ausdrücken. Zu ihnen gehören: Macht ausüben, erwachsen werden, sich mit der Schule auseinandersetzen, mit Beziehungen (zu Eltern, Geschwistern und Gleichaltrigen) zurechtkommen und vieles andere mehr. Auch aktuelle Probleme, wie Strafen erfahren oder krank sein, werden im freien Spiel verarbeitet.

Gesunde Entwicklung und spielerisches Lernen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das freie Spiel dient der mentalen und körperlichen Hygiene. Kinder, die man am Spielen hindert, laufen Gefahr, in ihrer Entwicklung beeinträchtigt zu werden. Das ist aber noch nicht alles. Das freie Spiel liefert gratis und beiläufig Geschenke mit: Lernerfahrungen und Lerngewinne. Beiläufig, im Fachjargon inzidentell, erwirbt das Kind Fertigkeiten und Wissen. Zu ihnen gehören motorische und sensomotorische Geschicklichkeiten, das Verständnis physikalischer Gesetzmäßigkeiten, soziale Kompetenzen sowie die Übung in der Begriffsbildung. Freies Spiel fördert die geistige Flexibilität, die Fantasie und aktiviert die Kreativität in ungeahntem Ausmaß. Freies Spiel ist ein wichtiger Motor menschlicher Entwicklung. Lassen wir ihm genügend Raum!